Meine eigene Sicht...


Die Wahrheit über Klappentexte — oder jedenfalls über die Klappentexte meiner Bücher — ist, dass ich zu Papier bringe, was mir vorschwebt, und der Verlag das Ganze anschließend nach Belieben mit überschwänglichen Lobeshymnen garniert ... Wie dem auch sei, hier ist der Klappentext der englischen Ausgabe von Doppelleben (auf Deutsch natürlich), gefolgt von ein paar Anmerkungen über die Entstehung des Romans.

"Es gibt kein Leben ohne Doppelleben. Und doch hat man irgendwann genug davon ..."

Nach seiner Ernennung zum Richter an einem englischen Bezirksgericht — die er ebenso sehr seinen Fähigkeiten verdankt wie politischen Überlegungen, welche die Beförderung eines Farbigen als zweckmäßig erscheinen lassen — sieht Richter Savage endlich die Zeit gekommen, Ruhe in sein Leben einkehren zu lassen. Vielleicht ist seine Ehe ja doch nicht so unglücklich. Ein Vater muss sich um seine Kinder kümmern, auch — oder gerade — wenn sie schon Teenager sind. Sein Beruf verlangt äußerst verantwortungsbewusstes Verhalten. Tag für Tag muss Richter Savage über Menschen befinden, deren Doppelleben enthüllt worden ist. Er selbst muss über jeden Verdacht erhaben sein.
Doch der Übergang von verwirrender Komplexität zu beruhigender Einfachheit erweist sich als Problem. Warum weigert sich seine Tochter, in das geräumige neue Haus zu ziehen, das er und seine Frau gekauft haben? Warum erhält er immer wieder Anrufe von einer jungen Koreanerin, die ihn um Hilfe anfleht? Während im Gerichtssaal die kompliziertesten Lebensgeschichten entwirrt werden, versinkt Daniel Savages eigene Existenz in einem Durcheinander von Gewalt und Konfusion. Die fest gefügte englische Gesellschaft, zu deren Repräsentanten ihn seine elitäre Schulbildung ironischerweise gemacht hat, ist aus den Fugen geraten, geblieben ist nur eine Reihe fremder Gesichter auf der Besuchergalerie, deren jedes eine andere Kultur verbirgt. Und die Menschen, die uns am nächsten schienen, machen uns plötzlich Angst mit ihrer rätselhaften Undurchdringlichkeit.
Durch Zufall zum Helden gemacht, im nächsten Moment mit Schimpf und Schande überhäuft, droht Daniel Savage seine ganze Welt aus den Händen zu gleiten. Sein verzweifelter Kampf wird den Leser bis zur letzten Seite in Atem halten. Und zugleich wird man den Eindruck nicht los, dass hier etwas beschrieben wird, was einem merkwürdig bekannt vorkommt. Es ist die fieberhafte Orientierungslosigkeit des modernen Großstadtmenschen.
Begonnen habe ich Doppelleben nur wenige Monate, nachdem ich die Arbeit an Schicksal beendet hatte, also gegen Ende 1998. Für diejenigen, die es noch nicht kennen: Schicksal ist in einem obsessiven Stil verfasst, der sich im Grunde nur für die Darstellung einer ganz bestimmten Erfahrung eignet. Hier kam es also darauf an, etwas Neues zu finden. Doppelleben ist nicht in der ersten, sondern in der dritten Person geschrieben, und anstelle eines permanent von Panik getriebenen Protagonisten begegnen wir zu Anfang einem Mann, der scheinbar alles souverän im Griff hat und auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt ist.
Was kann ich zum Inhalt des Buches sagen? Die Welt der Justiz hat mich schon immer fasziniert. Wenn es eine Laufbahn neben der des Schriftstellers gibt, von der ich glaube, dass sie mir hätte gefallen können, dann ist es die des Strafverteidigers. Ich war also hocherfreut, als ich feststellte, dass die Geschichte, die ich im Sinn hatte, sich sehr gut im Gerichtsmilieu ansiedeln ließ. In der Folge verbrachte ich viel Zeit in Gerichtssälen. Probieren Sie es mal aus — und Sie werden sich fragen, wieso die Leute überhaupt noch Romane lesen und ins Kino gehen, wenn sie sich stattdessen ebenso gut ein paar Gerichtsverhandlungen zu Gemüte führen könnten. Die Antwort ist wohl, dass Bücher und Filme ihren Stoff in einer Weise bändigen und beherrschen, die als beruhigend empfunden wird. Das ist im Gerichtssaal ganz anders. Der Zuschauer, der den Ausführungen der Zeugen und Angeklagten in einem Prozess folgt, kann niemals hundertprozentig sicher sein, was wirklich passiert ist.
Die zweite wichtige Entscheidung betrifft die Hautfarbe des Protagonisten. Mein Leben in Italien hat mich unter anderem zu einem faszinierten Beobachter der Integrationsproblematik und der damit verbundenen Ängste und Neurosen werden lassen. Ich lebe seit dreiundzwanzig Jahren in diesem Land, ich habe eine italienische Familie, spreche fließend Italienisch, arbeite in einer italienischen Bildungseinrichtung — und dennoch muss auch mir klar sein, dass ich in den Augen der Italiener immer irgendwie anders sein werde und es tatsächlich auch bin. Inzwischen sehe ich die Kinder afrikanischer und asiatischer Familien um mich herum mit dem Veroneser Dialekt aufwachsen, doch auch sie wissen, dass sie niemals ganz den Status von Einheimischen erreichen werden. Zwar ist letztlich keine Erfahrung wie die andere, doch Parallelen sind unleugbar vorhanden. Als dunkelhäutiger Brasilianer, der gleich nach seiner Geburt adoptiert wurde und später die besten britischen Schulen und Universitäten besucht hat, kann Daniel Savage nie wirklich wissen, wie "anders" er wirklich ist; er kann sich nie sicher sein, in welchem Maße er seine Identität eben dieser Ungewissheit verdankt.
Und schließlich wäre da noch die Geschichte — das heißt, genau genommen war sie zuerst da. Eigentlich ist es ein Thriller, ein Krimi. Eines habe ich mich schon immer gefragt: Wenn ein Mensch beschließt, Gutes zu tun, obwohl es seinem Eigeninteresse zuwiderläuft, hat er dann wirklich eine moralische Entscheidung getroffen — oder hat er sich von ästhetischen Motiven verführen lassen? Oder hat es vielmehr mit dem Bild zu tun, das man sich von sich selbst gemacht hat und dann nicht mehr loswird? Daniel Savage kann nicht umhin, sich für ein Mädchen verantwortlich zu fühlen, mit dem er früher mal geschlafen hat. Und deshalb lässt er nicht locker, bis seine ganze Welt — die eigentlich aus vielen Welten besteht — um ihn herum zusammenbricht.

Übersetzt von Andreas Jäger

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