"Da wir unsere Laster nicht überwinden können", schrieb Emil Cioran, "können wir sie ebenso gut pflegen und sie, so gut es geht, genießen." Nach jahrelangem hartnäckigem Schweigen über meine Fußballbesessenheit und die Tatsache, dass ich ein fanatischer Anhänger von Hellas Verona bin, habe ich es endlich aufgegeben und beschlossen, mich mit Haut und Haaren dem Zauberbann zu unterwerfen. Ich wollte einfach mal sehen, wohin er mich führen würde. Kreuz und quer durch Italien, war die Antwort — zu jedem einzelnen Spiel, zu Hause wie auswärts, in einer quälend langen und strapaziösen Saison. Und wie hätte ich das ganze Unterfangen meiner Frau gegenüber rechtfertigen sollen, wenn nicht mit der Ausrede, dass ich ein Buch schreiben wollte? Eine seriöse Studie sollte es werden, aber zugleich auch eine spannende Geschichte darüber, wie der moderne Fußball sich in den Köpfen der Menschen breit macht — und selbstverständlich auch über Italien.
Nie zuvor habe ich etwas geschrieben, bei dem die Kluft zwischen meinen Erwartungen und dem fertigen Buch so groß war — es war zugleich witziger, komplizierter, unberechenbarer und vor allem aufregender, als ich es mir vorgestellt hatte. Wie immer wurde den Fans pöbelhaftes Benehmen und Rassismus vorgeworfen — aber wie sonderbar und schillernd ist dieser Rassismus, den sie an den Tag legen. Wie immer schwebte das Gespenst des Abstiegs über dem Verein — aber wie unterschiedlich erscheint es in den Augen der Spieler, der Funktionäre oder aber der Männer und Frauen, die auf den Rängen mitleiden. Es war ein Wahljahr, und so kam auch immer wieder die Politik ins Spiel. Die Polizei war keineswegs immer der sprichwörtliche Freund und Helfer; Zeitungen und Fernsehen brachten keineswegs immer die Wahrheit über das, was sich in den Stadien und davor abspielte. Die harten Burschen von der Ultra-Fraktion waren bedrohlich, aber auch zum Schreien komisch, die Schiedsrichter jenseits von Gut und Böse, die Institutionen Horte der Scheinheiligkeit.
Ich brachte Nächte in klapprigen Uralt-Bussen und überfüllten Eisenbahnwaggons zu, dann saß ich wieder neben den Spielern in Chartermaschinen und in den Foyers feiner Hotels, und mein Bild des italienischen Nationalcharakters begann sich zu verändern. Ich erkannte, was es bedeutet, so viele Emotionen in etwas zu investieren, von dem wir doch alle wissen, dass es letztlich vollkommen bedeutungslos ist. In einer globalisierten Welt, in der es immer weniger möglich ist, Grenzen zu ziehen und Unterscheidungen zu treffen, in der Religion und politischer Idealismus eher eine Gefahr als eine tröstende Zuflucht bedeuten, bietet — so die Erkenntnis, die sich mir schließlich aufdrängte — der Fußball eine neue und zutiefst von Ironie geprägte Möglichkeit, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen und eine Art von Heiligenverehrung zu praktizieren. Zieh mit den Jungs von Spiel zu Spiel, und schon kannst auch du ein Teilzeit-Fundamentalist sein, ein Mitglied der Wochenend-Taliban.
Eine letzte Bemerkung: Als ich anfing, das Buch zu schreiben, war ich fest entschlossen, dass es mehr als nur ein Sportbuch werden sollte, mehr als eine reine Chronik. Und so wende ich mich an Sie, die Sie nichts von Fußball verstehen und auch nichts davon verstehen wollen; die Sie uns, die wir seinem Bann erlegen sind, vielleicht verachten — lassen Sie sich gesagt sein, dass ich beim Schreiben stets Sie im Sinn hatte. Also geben Sie sich einen Ruck und tun Sie sich wenigstens ein paar Seiten an, ehe Sie ein endgültiges Urteil fällen. Aber seien Sie auf der Hut. Es ist eine Saison, die erst mit dem Schlusspfiff des allerletzten Spiels wirklich zu Ende war. Wenn Sie sich einmal darauf eingelassen haben, brauchen Sie einen langen Atem.
Übersetzt von Andreas Jäger
FACCI SOGNARE
Innen ist das Stadion (von Bari) ebenso riesig und hässlich, wie es von außen beeindruckend ist. Die Tribünen sind zu steil. Man muss fürchten, die hohen Stufen hinunterzustürzen. Der Wind weht unangenehm heftig durch die weiten Zwischenräume zwischen den einzelnen Segmenten. Er pfeift und bläst in plötzlichen Wirbeln durch das Stadion und treibt den Abfall vor sich her, der überall herumliegt. Die Tribünen sind voller Müll. Sie sind nicht gekehrt worden. Selbst der Platz ist mit Abfällen übersät, mit Plastiktüten und Zeitungsfetzen, die im Wind flattern. Wenn man nur genug Alkohol im Blut hätte, könnte man das Stadion leicht mit dem zweiten Kreis von Dantes Hölle verwechseln, wo diejenigen, die sich der Leidenschaft hingegeben haben, auf ewig umhergeworfen werden, schreiend und wehklagend und in die Hände klatschend, die Macht Gottes verfluchend.
Auch Pista, trotz der sinkenden Temperaturen mit nacktem Oberkörper, klatscht in die Hände und beginnt seine Verwünschungen in den Wind und das hallende Rund des Stadions zu brüllen.
»Africani, Dio boia!«
»Animali, Dio can!«
»Albanesi, Dio boia!«
»Criminali, Dio can!«
»Kurdi, Dio boia!«
»Terroni, Dio porco!«
»Contrabandisti!« (Schmuggler.)
»Zingari!« (Zigeuner.)
»Froci!« (Tunten.)
»Bestie!« (Tiere.)
»Tua madre lo prende in culo!« (Deine Mutter lässt es sich anal besorgen.)
»Tuo padre è cornuto!« (Dein Vater ist ein gehörnter Ehemann.)
»Scafisti di merda!« (Die scafisti sind die Betreiber der großen motorisierten Gummiboote, die Tag für Tag illegale Einwanderer aus Albanien nach Italien bringen; sie sind bekannt für die Skrupellosigkeit, mit der sie zum Beispiel kleine Kinder über Bord werfen, wenn die Küstenwache hinter ihnen her ist.)
»Tua madre è una puttana, scopa con tutti!« (Deine Mutter ist eine Hure und vögelt mit jedem.)
»Le nostre tasse pagano per voi!« (Wir bezahlen euch mit unseren Steuergeldern.)
»Non esistete senza di noi!« (Ohne uns würdet ihr gar nicht existieren — nämlich ohne die reichen Steuerzahler des Nordens.)
Und so weiter.
Glasauge schließt sich ihm an. Es geht endlos so weiter, während wir Übrigen uns auf dem kleinen Tribünensegment verteilen, das uns zugewiesen wurde. Und dann gibt es endlich einen urkomischen Moment, einen Moment, der dies alles als das verrückte Theater entlarvt, das es im Grunde ist. Sie sind inzwischen schon zwanzig Minuten zugange, Pista und Glasauge; sie lehnen sich über das Geländer und schreien eine Beleidigung nach der anderen in Richtung der spärlichen Häufchen von Bari-Fans auf den anderen Tribünen, als urplötzlich ein besonders heftiger Windstoß Glasauge die Mütze vom Kopf reißt, seine Verona-Italienischer-Meister-1985-Mütze. Sie steigt hoch in die Luft, segelt ausgesprochen elegant über den hohen Zaun, der das Segment seitlich begrenzt, überfliegt die Lücke zwischen den Segmenten und landet sanft auf einem unbesetzten Teil der Tribüne, den eine Reihe von Polizisten verteidigt, offenbar dort postiert, um zu verhindern, dass Bari-Fans zum Zaun laufen und uns mit Gegenständen bewerfen.
»Ich hab meine Mütze verloren, gebt mir meine Mütze zurück!« Und dann setzt Glasauge einigermaßen überraschend hinzu: »Per favore, bitte!« Und dann: »Dio boia, gebt mir meine Mütze zurück!«
Die Polizisten rühren keinen Finger. Sie haben blaue Schutzhelme und Tränengaskanister. Es müssen an die dreihundert Polizisten sein, die fünfundvierzig von uns gegenüberstehen.
»Meine Mütze, Dio boia, meine alte Mütze.« Es dürfte nicht einfach sein, an eine Original-1985er-Verona-Italienischer-Meister-Mütze heranzukommen. »Ich war zehn Jahre alt, Dio can!«Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Verona erneut Meister wird. Angesichts des drohenden tragischen Verlusts scheint Glasauge sich plötzlich wie der normalste Mensch der Welt zu benehmen. »Ragazzi«, ruft er den Bari-Fans hinter der Polizeikette zu. »Abbiate pietà!« Habt Erbarmen. Seine Stimme ist heiser vom Schreien. »Bitte, könnt ihr mir nicht meine alte Mütze zurückgeben!«
Die Bari-Fans haben alle rot-weiße Schals. Ein paar Jugendliche nähern sich der Polizeikette, aber sie werden zurückbeordert. Der Wind heult. Die Abfälle flattern hin und her, und die Mütze hüpft und taumelt über die Tribüne. Die Verona-Fans fangen an, auf die Polizisten einzuschreien: »Er will doch bloß seine verdammte Mütze wiederhaben. Was ist denn los mit euch? Seid ihr keine Menschen? Tiere seid ihr! Ihr werdet von unseren Steuergeldern bezahlt!«
Die Pattsituation zieht sich etwa fünf Minuten lang hin. Die Polizisten verharren ungerührt. Ihr Befehl lautet, die gegnerischen Fans um jeden Preis voneinander fernzuhalten. Sie starren die Veroneser an wie Wesen von einem anderen Stern. Manchmal grinsen sich ein paar von ihnen an, so wie man über die Kapriolen der Affen im Zoo grinst. Und dann brechen endlich zwei mutige Bari-Fans durch die Polizeikette und rennen auf die Mütze zu. Ein paar Polizisten laufen ihnen nach, aber eher halbherzig. Sie werden sich hüten, die Einheimischen zu hart anzufassen. Die Fans stürzen sich auf die Mütze. »Hellas« steht darauf. »Campioni d’Italia 1985« — das Jahr, in dem mein Sohn geboren wurde.
Mein erster Gedanke in diesem Moment war, dass die Bari-Jungs sich mit der Mütze aus dem Staub machen würden, als Strafe für all die Schmähungen, die sie sich hatten anhören müssen. Vielleicht würden sie sie verbrennen und dazu Verona Verona vaffanculo skandieren, den Standard-Schlachtruf rivalisierender Fangruppen. Aber dann tritt der Größte der Burschen an den Zaun, wo er vielleicht noch drei Meter von Glasauge entfernt ist, und — nachdem er gewartet hat, bis der Wind sich ein wenig gelegt hat, und sich voll konzentriert, um sicherzugehen, dass die Mütze den hohen Zaun und die klaffende Lücke in der Betonschüssel überfliegen wird — schleudert er das kostbare Stück hoch in die Luft, und es fliegt in hohem Bogen über Zaun und Lücke und landet sicher auf unserer Seite.
Augenblicklich brechen die Verona-Fans in Beifallsstürme aus. »Ba-ri! Ba-ri!«, rufen sie und applaudieren. Die Bari-Fans hinter dem Polizeikordon wiederum skandieren »Lecce Lecce vaffanculo« — Lecce, das sind ihre meistgehassten, da nächstgelegenen, Rivalen. Die brigate nehmen die Anregung auf und stimmen ein. »Lecce Lecce vaffanculo.« Die darauffolgende Stille unterbricht Glasauge mit dem Ruf: »Okay, das reicht, jetzt wird in die andere Richtung beleidigt.« Damit wendet er sich von den Fans zur Linken, die ihm seine Mütze zurückgegeben haben, ab und marschiert mit Pista zur anderen Seite des Pferchs, wo sie nun die Fans zur Rechten zu schmähen beginnen.
»Albanesi, Dio boia!«
»Criminali, Dio can!«
»Terroni, Dio porco!«
So ist also eine Situation entstanden, in der einem einfachen Akt wie dem Zurückwerfen einer verlorenen Mütze eine gewaltige Bedeutung zuwächst, den lagerähnlichen Bedingungen im Stadion zum Trotz. Dieser junge Bari-Fan wird mit stolzgeschwellter Brust nach Hause gehen, weil er der Polizei die Stirn geboten und diese Verona-Italienischer-Meister-Mütze aufgehoben hat. Wie hätte er je solche Emotionen erleben können, wenn er sich das Spiel im Fernsehen angeschaut hätte?
AL VINCITORE
Hellas ist ein Lebensgefühl, eine Überzeugung, und nicht ein Scheck, den man sich in die Tasche stecken kann, Pastorello. Zio Preben (Elkjaer)
Wie beständig ist der menschliche Charakter? Auf der Rückfahrt von Vicenza wurde ich Zeuge einer merkwürdigen Szene. Ich hatte endlich ein Abteil gefunden, war erschöpft auf meinen Platz niedergesunken und hörte gerade zu, wie der Mann und die Frau gegenüber ihren Verwandten per Handy versicherten, dass sie nicht in die Krawalle geraten seien, über die offenbar im Fernsehen berichtet worden war. Dann stürmte ein jugendlicher Fan quer durchs Abteil und riss das Fenster herunter. Er war schlank und hübsch, vielleicht siebzehn Jahre alt; das blonde Haar mit einem teuer aussehenden Schnitt um einen Mittelscheitel herum frisiert, das Gesicht fein geschnitten. Er lehnte sich aus dem Fenster und begann die Polizisten anzuschreien, die in ein, zwei Metern Entfernung auf dem Bahnsteig Aufstellung genommen hatten. »Scheißkerle! Schläger! Elende Würmer! Kotzbrocken! Kommunisten! Fickt euch doch ins Knie!«
Würde ein junger Mann so etwas an einem gewöhnlichen Tag auf einer gewöhnlichen Straße irgendwo in Norditalien tun, dann würden die solchermaßen beleidigten Polizisten ihn auf der Stelle verhaften. Aber innerhalb des Bezugsrahmens, den der Fußball herstellt, ist alles anders; die Uniformierten blicken den Burschen nur gleichmütig an und lassen die Waffen unter ihren gefütterten Jacken stecken. »Faschisten! Slawen! Kurden! Bastarde! Terroni!«
Dann merkt der junge Mann plötzlich, dass sein Handy klingelt. Er zieht es aus der Jackentasche. »Nein, Mamma, wir stehen noch im Bahnhof von Vicenza.« Wie lieblich seine Stimme jetzt klingt, wie vollkommen frei von Zorn und Erregung! »Nein, wir haben übers Wochenende nicht viel Hausaufgaben bekommen. Ich habe sie schon gemacht.«
Aber noch während er spricht, setzt der Zug sich in Bewegung. »Momento, Mamma.« Er legt die Hand über das Mikrofon des Handys und beugte sich wieder aus dem Fenster. »Vaffanculo stronzi di merda vergogna di tutta l’Italia!« Sein Gesicht glüht vor Rage. Die Polizisten verharren reglos, ihre Mienen undurchschaubar. Die anderen Fahrgäste im Abteil nehmen von dem Vorgang kaum Notiz. »Entschuldige, Mamma«, spricht der Junge wieder in sein Handy, »die butei hier machen einen tierischen Rabatz.« Er lacht. »So, wir fahren jetzt gerade los; also, wenn du die Pasta so gegen halb sieben aufsetzt, bin ich wahrscheinlich da, wenn sie fertig ist. Ciao, Mamma.«
LECCE
Italien, Land der hundert Städte, das die Liebe zu meiner Heimatstadt mit der Liebe zu meinem Land und zu Europa vereint. Es gibt mehr Dinge, die uns verbinden, als solche, die uns trennen. Präsident Ciampi in seiner Neujahrsansprache
Italienische Einheit = Roma merda, Inter merda, Milan merda, Napoli merda, Vicenza merda, Lecce merda. Reicht das, oder soll ich noch weitermachen? Dany-for-Hell@s.it
Wenn sie zehn Jahre alt sind, ist ihre Begabung nicht mehr zu übersehen. Ihre Mütter stehen kreischend an der Außenlinie. Professionelle Talentsucher erteilen Ratschläge. Mit fünfzehn sind sie auf einer Fußballschule. Sie überstehen ein Auswahlverfahren nach dem anderen. Sie sehen andere Jungen mit gesenktem Kopf davonschleichen. Sie spüren, dass sie zum Ruhm bestimmt sind, und so gehen sie früh zu Bett und träumen vom grünen Rasen des San Siro oder des Olimpico. Am Telefon spornen Mamma und Papà sie an. Auch die wenigen Freunde, die ihnen von früher noch geblieben sind, spornen sie an. Sie trinken nicht und sie rauchen nicht. Ihre Ernährung ist streng geregelt. Das Training ist hart. Wenn sie siebzehn oder achtzehn sind, spielen sie in der Serie C oder sitzen in der Serie B auf der Ersatzbank. Ernste Männer in schweren Pelzmänteln spekulieren auf ihre Zukunft. Sie werden gekauft und verkauft. Eine Milliarde Lire in diesem Jahr, fünf Milliarden im nächsten. Sie werden kreuz und quer durch das ganze bel paese gejagt, von Treviso nach Taranto, von Palermo nach Turin. Inzwischen kennen sie außerhalb des Fußballgeschäfts keinen Menschen mehr. Sie wissen gar nicht, was sie zu jemandem sagen sollen, der weder Spieler noch Trainer noch Journalist ist. Oder wenigsten ein Fan. Gibt es überhaupt Menschen, die keine Fußballfans sind? Sie sind stolz auf das, was sie erreicht haben, und haben zugleich Angst, sich zu blamieren. Sie haben nichts anderes gelernt, sie haben nicht studiert. Für ein Privatleben haben sie keine Zeit. Und da sie permanent unter Aufsicht gestanden haben, konnten sie auch keinen Charakter entwickeln. Vor jedem Spiel packt ihnen jemand die Tasche: drei Trikots mit ihrem Namen und ihrer Nummer auf dem Rücken, drei Unterhemden, drei Paar Shorts, der Paar Socken, drei Paar Schuhe, der Trainingsanzug in den Clubfarben und der weiße Ersatzdress für alle Fälle. Jemand anderes bucht für sie die Reisen, jemand bereitet für sie die Mahlzeiten zu, jemand plant für sie ihren Tagesablauf. Fünf Tage in der Woche trainieren sie, an einem Tag spielen sie — wenn sie Glück haben —, und einen Tag haben sie frei und können in der Zeitung nachlesen, wie sie gespielt haben. Vor und nach jeder Trainingseinheit werden sie gewogen. Sie bekommen ihr Idealgewicht mitgeteilt und müssen es unbedingt halten. Sie dürfen vor dem Spiel keinen Sex haben. Sie werden mit einer Geldbuße belegt, wenn sie zu spät zum Training kommen. Sie werden mit einer Geldbuße belegt, wenn ihr telefonino klingelt, während der Trainer spricht. Sie werden mit einer Geldbuße belegt, wenn sie bei Fahrten mit der Mannschaft nicht die Club-Uniform tragen. Sie brennen darauf, für das nächste Spiel aufgestellt zu werden — was bleibt ihnen also anderes übrig, als allem zuzustimmen, was der Trainer sagt? Was bleibt ihnen übrig, als ihm jeden Wunsch zu erfüllen? Werden sie aufgestellt, sind sie stolz und erleichtert; werden sie übergangen, dann leiden sie Höllenqualen. Sie haben panische Angst vor Verletzungen und entwickeln sich deshalb zu hypersensiblen Hypochondern. Es zwickt sie in der Wade, es kribbelt sie im Handgelenk, der Hals ist geschwollen. Was ist es? Der Mannschaftsarzt untersucht sie, der Masseur macht sie wieder fit. International anerkannte Chirurgen führen die einfachsten orthopädischen Routineoperationen durch. Sie sehnen sich danach, bewundert zu werden, und haben Angst, dass die Menschen nur ihre Nähe suchen, weil sie so berühmt sind. Sie sitzen in anonymen Hotelzimmern und ziehen sich Pornos rein. Wenn sie gewinnen, werden sie verehrt. Dann stehen sie mit erhobenen Armen unter der curva und baden mit strahlenden Gesichtern im Glanz des Ruhmes. Ihre abgelegten Kleider werden zu Kultobjekten. Wenn sie durch eine Menschenmenge gehen, wollen alle sie anfassen. Aber wenn sie verlieren, werden sie angespuckt. Die Pfiffe sind ohrenbetäubend. Mit gesenktem Kopf eilen sie auf den Tunnel zu. Sie sind einsam und heiraten jung. Eine alte Freundin vielleicht. Oder ein junges Model, das genau so verloren und eitel ist wie sie selbst. Oder die klaustrophobische Atmosphäre ihrer autistischen Welt lässt sie bei ihren Teamkameraden nach sexueller Befriedigung suchen. Es ist eine Männerwelt, und die Männer sind jung und attraktiv. Wenn sie mitten in der Nacht mit Kopfschmerzen aufwachen, müssen sie den Mannschaftsarzt anrufen, bevor sie irgendetwas einnehmen können. Schließlich gibt es Dopingkontrollen. Sie können nicht einfach Tropfen nehmen, wenn sie eine verstopfte Nase haben. Sie können nicht einfach Wick VapoRub inhalieren. Sie dürfen an nichts anderes denken als an das Spiel. Das nächste Spiel ist entscheidend. Das nächste Spiel ist immer entscheidend. In der Nacht vor dem Spiel sind sie zu angespannt, um schlafen zu können. In der Nacht nach dem Spiel sind sie zu erregt, zu wütend. Es brennt am ganzen Körper. Die Muskeln sind angeschwollen, die Gelenke sind steif. Sie können nicht schlafen. Voller Erstaunen lesen sie von Spielern in anderen Ländern, die hemmungslos trinken und rauchen und Restaurants und Flugzeuge demolieren. Wie ist das möglich? Was würde die Gazzetta dazu sagen? Italien ist ein katholisches Land. Sie lesen, dass englische Spieler sich in der Halbzeitpause über die Ergebnisse der Pferderennen informieren. Sie glauben es einfach nicht. Das kann nicht sein. Wie die Soldaten des alten Sparta sind sie nur auf dem Schlachtfeld ganz sie selbst. Nur wenn sie durch den Spielertunnel in das große grüne Stadion einlaufen, können sie ihren ganzen aufgestauten Emotionen freien Lauf lassen. Nur hier können sie ihr Genie unter Beweis stellen. Nur vor einer riesigen Zuschauermenge dürfen sie sich endlich nach Herzenslust danebenbenehmen. Sie reißen ihren Gegenspieler am Trikot. Sie rauschen ihm in die Beine, bevor er sich in Schussposition bringen kann. Die Menge applaudiert. Schmeiß ihn um! Sie tun ständig so, als seien sie selbst gefoult worden. Sie fallen, obwohl sie gar nicht berührt worden sind. Sie leugnen die offensichtlichsten Wahrheiten, sie beharren darauf, dass sie den Ball nicht berührt hätten, wenn alle gesehen haben, dass sie ihn berührt haben; sie behaupten, der Ball sei nicht aus gewesen, obwohl jeder gesehen hat, dass er aus war. Wenn sie in Führung liegen, werfen sie den Ball weit weg, um Zeit zu schinden. Oder sie schnappen ihn sich und weigern sich, ihn herauszurücken. Wenn sie gefoult werden, winden sie sich vor Schmerzen, auch wenn ihnen gar nichts wehtut. Wenn sie ausgewechselt werden, schleichen sie so langsam wie möglich über den Rasen, den Pfiffen der gegnerischen Fans zum Trotz. Sie sind zugleich kindisch und reif, weinerlich und tapfer. Wenn sie ein Tor schießen, verlieren sie komplett die Beherrschung. Dann reißen sie sich das Trikot vom Leib, dann drehen sie vollends durch. Wenn der Gegner ein Tor schießt, brechen sie in tiefster Verzweiflung auf dem Rasen zusammen. Sie protestieren heftig. Sie treten gegen den Torpfosten. Nach dem Spiel rufen sie ihre Mütter an. Wenn sie vom Fernsehen interviewt werden, sind sie vorsichtig und konformistisch: Wir haben unser Bestes gegeben; Glückwunsch an den Gegner; wir müssen hart arbeiten, wenn wir uns steigern wollen; wir müssen bescheiden bleiben. Am nächsten Tag schlagen sie in allen Zeitungen ihre Noten nach. Sie informieren sich über ihren hypothetischen Wert auf dem imaginären Transfermarkt. Werde ich nächstes Jahr noch hier sein? Werde ich spielen oder werde ich auf der Bank sitzen? Sie sind enorm privilegiert und doch hoffnungslos eingeschränkt. Sie haben kein normales Leben. Vor allem kassieren sie Traumgehälter. Und jetzt warte ich im Flughafen Venezia Marco Polo darauf, sie — oder zumindest ein paar von ihnen — persönlich kennen zu lernen.
Es ist der 5. Januar, und ich sitze in der Abflughalle des Airports und warte auf die Mannschaft von Hellas Verona. Ich werde zusammen mit den Spielern und dem Trainer nach Rom und dann weiter nach Brindisi fliegen, das ganz unten am Absatz des italienischen Stiefels liegt. Von dort werden wir mit dem Auto nach Lecce fahren, wo ich Freitag und Samstag im selben Hotel wie das Team übernachten werde. Am Sonntag werde ich mir zusammen mit dem Besitzer Giambattista Pastorello und dem Sportdirektor Rino Foschi das Spiel ansehen. Ich bin schon ganz aufgeregt. Als ich vor zwei Monaten Ihrer Majestät der Königin begegnet bin, war ich im Gegensatz zu jetzt vollkommen entspannt. Es bedeutete mir nichts. Das Einzige, was mich wirklich interessierte, war die Frage, wie groß denn nun eigentlich die Ähnlichkeit zwischen Ihrer Majestät und meiner Mutter war. Und jetzt komme ich mir vor wie ein kleiner Junge an seinem Geburtstag oder vor einer wichtigen Klassenarbeit. Warum?
Deutsch von Andreas Jäger
Die Verwendung der Passagen aus Eine Saison mit Verona erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Goldmann Verlags.
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